Eine winterliche Geschichte der Gefühle

Gefühle brauchen keinen Grund, allenfalls Anlässe

Der Winter hatte das Land in eine stille Ordnung gelegt. Die Tage folgten dem Licht, die Nächte der Ruhe.
Im großen Haus kamen Menschen zusammen, nicht aus Verpflichtung, sondern aus einem inneren Wissen heraus. Ein Blick, das Rascheln schwerer Stoffe, das langsame Verlöschen des Tages – dies genügte. Gefühle verlangten keine Erklärung. Sie traten ein, wie der Atem eintritt, wenn man innehält.

Gefühle sind maßlos

Die Kälte draußen war vollständig, ebenso die Wärme im Inneren.
Dankbarkeit dehnte sich aus, ohne nach Grenzen zu fragen. Müdigkeit sank tief in die Glieder, und niemand widersprach ihr. Maßlosigkeit galt nicht als Unbeherrschtheit, sondern als Fülle – als Zeichen dafür, dass man dem eigenen Empfinden nichts schuldig blieb.

Gefühle haben mehrdimensionale Wirkungen

Was sich im Inneren regte, blieb nicht verborgen.
Die Körper nahmen Haltung an, die Stimmen wurden gedämpfter, die Zeit schien langsamer zu gehen. Selbst der Raum veränderte sich. Ein Gefühl wirkte zugleich im Leib, im Blick, im Miteinander – als hätte es viele Wege, sich mitzuteilen.

Gefühle können verschwinden und bleiben doch im Leib

Manches schien vergangen. Worte darüber waren nicht mehr nötig.
Und doch bewahrte der Körper, was das Gedächtnis losgelassen hatte: eine Hand, die sich kurz verkrampfte, ein Atem, der innehielt. Der Leib erinnerte leise, ohne zu drängen.

Gefühle sind sowohl als auch

In diesen Tagen galt es als selbstverständlich, dass Gegensätze nebeneinander bestehen durften.

Rückzug und Nähe.
Erschöpfung und Dank.
Stille und Zugewandtheit.

Niemand verlangte Eindeutigkeit. Gefühle folgten keinem strengen Entweder-oder.

Gefühle sind oft paradox

Der kleine Bruch ereignete sich während einer besonders würdevollen Stille:
Der Hausherr, sonst bekannt für vollkommene Contenance, verwechselte in tiefer Versenkung den Salzstreuer mit der Schnupftabaksdose.
Was folgte, war ein Niesen von solcher Entschiedenheit, dass selbst die schweren Vorhänge erzitterten.
Einen Augenblick lang war die Gesellschaft zwischen Erschrecken und Etikette gefangen – dann löste sich die Spannung in zurückhaltendem Lächeln, bald darauf in leisem, ehrlichem Lachen.
Die Würde blieb bestehen, doch sie hatte Risse bekommen – und gerade darin lag ihre Menschlichkeit.

Einschub: Gestalten und Dialog

Nicht selten beschränkt sich kunst- und gestaltungstherapeutische Arbeit darauf, etwas zu gestalten und anschließend darüber zu sprechen.
Diese Geschichte folgt dem Gedanken, dass das Gestalten selbst bereits Dialog ist: ein Geschehen zwischen Menschen, Körpern, Materialien und Stimmungen. Worte mögen folgen – doch das Wesentliche ereignet sich oft früher, im Tun und im gemeinsamen Erleben.

Abspann

Diese Weihnachtsgeschichte ist eine literarische Annäherung an Gedanken zu dem Kapitel „Grammatik der Gefühle“. Eine fachliche Verdichtung von Inhalten in einer winterlichen Zeit der Einkehr, des Zusammenhalts und des stillen Humors.

Literatur
Baer, U. (2002). Gefühlssterne, Angstfresser, Verwandlungsbilder: Kunst- und gestaltungstherapeutische Methoden und Modelle (2. Aufl.). Affenkönig Verlag
Weiter
Weiter

Pflegende Angehörige stärken: Unterstützung und kreative Wege der Selbstfürsorge mit Kunsttherapie