Verlust in leisen Farben – und kreative Pfade durch die Gefühlswelten

Manchmal wird das Leben still auf eine Weise, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ein kleines Herz, das noch nicht schlagen durfte, hinterlässt Räume voller Leere, die jede Person auf ihre eigene Weise spürt. Schuld, Ohnmacht, Wut oder Scham mischen sich, und alles fühlt sich gleichzeitig überwältigend und schwer greifbar an.

Doch es gibt Wege, durch diese Gefühlswelten zu gehen – Schritt für Schritt, in eigener Zeit. Räume, in denen Gefühle sichtbar werden dürfen, Worte, Farben oder Formen Trost spenden, und kreative Pfade, die helfen, sich wieder spürbar im eigenen Leben zu verorten.

Erleben und Umgang

Fehl- und Totgeburten können einschneidende Erfahrungen sein. Etwa jede sechste Schwangerschaft weltweit ist eine Fehlgeburt.

Etwa neun Monate nach einer Fehlgeburt erfüllen rund 18 % der betroffenen Personen die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung – doch nicht jede Person erlebt dies.

Ein bewusster Umgang mit sich selbst und ggf. professionelle Unterstützung können helfen, das Erlebte einzuordnen, Gefühle zu sortieren und Stabilität zu gewinnen. Jede Person sollte selbst entscheiden, wann und auf welchem Weg sie bereit ist, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Kunsttherapie: Gefühle sichtbar machen

Verlust zu verarbeiten, verläuft oft in Phasen. Kunsttherapie bietet hier einen sanften Rahmen, in dem ressourcenorientiert und prozessorientiert gearbeitet wird.

Typische Phasen:

  • Stabilisierungsphase & Ressourcenaktivierung: Innere Kraftquellen entdecken und Sicherheit spüren

  • Gegenüberstellung ambivalenter Gefühle: Widersprüchliche Emotionen erkennen und annehmen

  • Neuordnung & Integration: Das Erlebte mit der eigenen Lebensgeschichte verbinden

Farben, Formen oder andere Materialien helfen, innere Erfahrungen sichtbar zu machen, ohne dass sofort Worte gefunden werden müssen. Es geht um Wahrnehmung, Reflexion und Selbstwirksamkeit – Schritt für Schritt.

Kreatives Schreiben: Worte als Ausdrucksraum

Kreatives Schreiben eröffnet einen eigenen Raum, um Gedanken, Erinnerungen oder Gefühle zu ordnen und zu erkunden. Die vier wesentlichen Aspekte sind:

  1. Autobiografie – Geschichten aus dem eigenen Leben reflektieren

  2. Fantasie – spielerischer, kreativer Umgang mit Erlebtem

  3. Ästhetik – Gestaltung, Form und Ausdruck im Text

  4. Kommunikation – Ausdruck, Austausch oder Reflexion im geschützten Rahmen

Methodenbeispiele

  • Biografisches Schreiben: Tagebuch, Briefe, Memoiren oder das spielerische Durchspielen der eigenen Lebensgeschichte. Humor kann dabei ein erleichterndes Ventil sein.

  • Gedicht mit allen Sinnen: Gefühle über alle Sinne ausdrücken – Geschmack, Geruch, Haptik, Klang, Farbe. Geeignet ab acht Jahren, kann aber auch von Erwachsenen genutzt werden.

Beispiel Gedicht „Glück mit allen Sinnen“:

Glück ist sonnengelb, ruhig und strahlend zugleich.
Der erste Biss von meinen Khinkali lässt Glück durch meinen Körper strömen.
Glück riecht nach kleinen Walderdbeeren, unerwartet und plötzlich da.
Glück fühlt sich an wie die Augustsonne auf meiner Haut oder der weiche Schal im Herbst.
Glück ist die Umarmung meiner Liebsten.
Glück hört sich nach Wind im Wald an.
Glück ist, immer wieder neu Glück zu spüren.

Schreibwerkstatt

Eine Schreibwerkstatt ist als Event geplant, um kreatives Schreiben gemeinsam zu erleben. Sie eignet sich besonders für Personen, die merken, dass Schreiben ein hilfreiches Ausdrucksmedium für sie ist. Für tiefere, persönliche Themen wird jedoch empfohlen, zunächst Einzelsitzungen zu buchen.

Blockaden überwinden

Kognitive, emotionale und kulturelle Faktoren können Schreibblockaden auslösen:

  • Kognitiv: Starre Vorstellungen von Literatur oder „perfektem“ Schreiben

  • Emotional: Angst, Unsicherheit, das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren

  • Kulturell: Konformitätsdruck, Leistungsdenken oder Scheu vor Abweichung

Schreiben darf frei, spielerisch und explorativ sein – der Fokus liegt auf Ausdruck, nicht auf Perfektion.

Fazit

Fehl- und Totgeburten sind besondere Lebenserfahrungen, die jede Person in ihrem eigenen Tempo verarbeiten sollte. Kreative Methoden wie Kunsttherapie oder Kreatives Schreiben bieten Möglichkeiten, Gefühle auszudrücken, das Erlebte zu ordnen und innere Perspektiven zu erkunden. Ob durch Farben, Formen, autobiografisches Schreiben oder Gedichte mit allen Sinnen – diese Wege ermöglichen einen sanften Zugang zu den eigenen Gefühlswelten und eröffnen Schritt für Schritt neue kreative Pfade.

Öffentlichkeit, Stimme und Raum für Betroffene
Menschen, die eine Fehl- oder Totgeburt erlebt haben, brauchen nicht nur im privaten, sondern auch im gesellschaftlichen Raum Verständnis. Zu oft entsteht der Druck, schnell wieder zu „funktionieren“, Stärke zu zeigen und das Erlebte möglichst leise mit sich selbst auszumachen. Dabei kann es entlastend und stärkend sein, dem Verlust eine Stimme zu geben — wenn Betroffene das möchten. Ein achtsam gestalteter, wertschätzender Rahmen kann helfen, Erfahrungen auszusprechen, Gefühle ernst zu nehmen und den eigenen Weg im Tempo der Betroffenen zu gehen. Ein ressourcenorientierter Ansatz unterstützt dabei, sowohl Schmerz als auch Kraftquellen behutsam in den Blick zu nehmen.

Literatur

  • Psychotherapie im Dialog: „Künstlerische Therapien“, PiD – Psychotherapie im Dialog, Ausgabe 1/2024, Thieme Verlag, Stuttgart.

  • Werder, Lutz von: Lehrbuch des kreativen Schreibens. 2. Auflage, Marix Verlag, Wiesbaden 2016.

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Eine winterliche Geschichte der Gefühle