Zwischen Gefühl und Farbe

Emotionen, Farb- und Materiallehre, innere Muster und Glaubenssätze in der Kunsttherapie

Nach der Sommerpause geht es wieder los

Nach einer Sommerpause ist wieder viel neue Energie, Inspiration und Kreativität da. Ich freue mich darauf, diese in den kommenden Monaten mit euch zu teilen. Nach und nach werden wieder neue Blog- und Instagram-Beiträge rund um Kunsttherapie, Klangtherapie, Kreativität, Emotionen, Farben und persönliche Entwicklung entstehen.

Auch die kunsttherapeutischen Stunden sind wieder buchbar und finden aktuell ausschließlich online statt. Wenn du Interesse hast, kannst du über das Kontaktformular auf meiner Homepage einen Termin anfragen.

Zum Wiedereinstieg möchte ich mich einem Thema widmen, das mich in meiner kunsttherapeutischen Arbeit immer wieder begleitet: Emotionen und die Frage, wie Farbe und künstlerischer Ausdruck uns dabei helfen können, mit unserem inneren Erleben in Kontakt zu kommen.

Was sind Emotionen?

Bevor ich näher auf Emotionen eingehe, möchte ich kurz erklären, wie ich in meiner kunsttherapeutischen Arbeit arbeite: Ich arbeite nicht mit medizinischen oder psychologischen Diagnosen und stelle keine ICD-Diagnosen. Im Mittelpunkt stehen für mich belastende Lebenssituationen, persönliche Erfahrungen, Emotionen und innere Themen. Gleichzeitig muss es nicht immer eine Belastung oder Krise geben – kunsttherapeutische Begleitung kann auch präventiv genutzt werden, um sich selbst bewusster wahrzunehmen, neue Perspektiven zu entdecken und sich etwas Gutes zu tun.

Emotionen gehören zu unserem täglichen Leben. Angst, Freude, Trauer, Wut, Hoffnung, Stolz oder Scham – wir alle kennen diese unterschiedlichen Zustände aus unserem eigenen Erleben. Manche Gefühle sind nur für kurze Zeit da, andere begleiten uns über längere Phasen.

Emotionen sind dabei mehr als ein bewusst wahrgenommenes Gefühl. Sie entstehen aus einem Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewertung, körperlichen Reaktionen, Gedanken, Handlungstendenzen und unserem subjektiven Erleben. Wenn wir beispielsweise Angst empfinden, reagiert nicht nur unser Denken. Auch der Körper kann sich verändern: Das Herz schlägt schneller, die Muskeln spannen sich an und unsere Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf mögliche Gefahren.

Emotionen erfüllen wichtige Funktionen. Sie können uns auf Bedürfnisse, Grenzen und Situationen aufmerksam machen und uns Hinweise darauf geben, was gerade in uns geschieht. Besonders Trauer, Wut und Angst begegnen mir dabei immer wieder als sehr starke Emotionen, mit denen viele Menschen im Laufe ihres Lebens Erfahrungen machen.

Trauer

Trauer ist etwas ganz Natürliches. Sie kann durch einen Verlust entstehen, aber auch durch Veränderungen, Enttäuschungen oder das Gefühl, etwas Wichtiges verloren zu haben. Nicht immer erkennen wir sofort, dass wir traurig sind. Manchmal zeigt sich Trauer zunächst eher körperlich – beispielsweise durch eine Schwere im Körper, Müdigkeit und Trägheit, ein Gefühl von Taubheit, einen Kloß im Hals oder eine gebeugte Körperhaltung mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf.

Auch Gefühle wie Unglücklichsein, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Ohnmacht, Kummer, Resignation, Hilflosigkeit, Enttäuschung oder Verzweiflung können mit Trauer verbunden sein. Trauer muss deshalb nicht „weg“. Sie darf wahrgenommen und durchlebt werden.

Wut

Auch Wut ist eine natürliche Emotion. Sie kann entstehen, wenn wir uns verletzt, ungerecht behandelt, eingeschränkt oder nicht gesehen fühlen. Im Körper kann sie sich beispielsweise durch aufsteigende Hitze, angespannte Hände oder Fäuste, einen angespannten Kiefer, Zähneknirschen oder zusammengezogene Augenbrauen zeigen.

Mit Wut können Gefühle wie Ärger, Frustration, Genervtsein, Argwohn, Aggression oder Hass verbunden sein. Hinter der Wut kann jedoch auch etwas anderes liegen – etwa Verletzung, Angst oder ein unerfülltes Bedürfnis. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, anstatt Wut einfach als etwas „Negatives“ abzulehnen.

Angst

Angst möchte uns ursprünglich schützen. Sie macht uns aufmerksam und kann uns auf eine mögliche Gefahr vorbereiten. Auch Angst zeigt sich häufig körperlich: durch Kälte, schwitzige Hände, angespannte Beine und Füße oder ein Zusammenziehen im Bauch.

Verwandte Gefühle können Nervosität, Unsicherheit, Furcht, Ängstlichkeit, Panik oder das Bedürfnis nach Flucht sein. Manchmal fühlen wir uns eingeschüchtert oder ziehen uns zurück. Auch hier kann es hilfreich sein, die Angst nicht sofort wegzudrücken, sondern wahrzunehmen und sich zu fragen: Was möchte mir diese Angst gerade sagen?

Wenn Emotionen zu inneren Mustern werden

Wenn starke Emotionen über längere Zeit in uns bleiben und wir sie immer wieder verdrängen, kann es schwieriger werden, mit ihnen bewusst umzugehen. Gründe dafür können Scham, Angst vor den eigenen Gefühlen oder auch die Gewohnheit sein, bestimmte Seiten von uns selbst nicht wahrhaben zu wollen.

Hier beginnt für mich ein Teil der Schattenarbeit: Jeder Mensch trägt unterschiedliche Seiten und Erfahrungen in sich. Es gibt schöne und stärkende Erfahrungen, aber auch schmerzhafte, unangenehme oder schwierige. Gerade diese Erfahrungen müssen nicht ausschließlich negativ sein – auch aus schwierigen Situationen können wir wachsen und neue Stärke entwickeln.

Wenn wir uns jedoch nicht bewusst mit unseren Erfahrungen und Emotionen auseinandersetzen, können daraus langfristig ungünstige Muster und Glaubenssätze entstehen. Gedanken wie „Ich bin nicht gut genug“, „Ich darf keine Schwäche zeigen“ oder „Ich muss es allen recht machen“ können sich festsetzen und unsere Wahrnehmung und unser Verhalten beeinflussen.

Die Kunsttherapie kann hier ein wertvolles Werkzeug sein. Durch verschiedene künstlerische Methoden und Materialien können Emotionen sichtbar und erfahrbar werden, ohne dass alles sofort in Worte gefasst werden muss. Auch die Klangtherapie bietet unterschiedliche Möglichkeiten, mit innerem Erleben und starken Emotionen zu arbeiten.

Dabei geht es nicht darum, etwas zu diagnostizieren oder ein Bild nach einem festen Schlüssel zu entschlüsseln. Vielmehr geht es darum, sich selbst ehrlich zu begegnen, wahrzunehmen, was gerade da ist, und einen eigenen Ausdruck dafür zu finden.

Wie entstehen Emotionen?

Was passiert eigentlich, bevor wir ein Gefühl bewusst wahrnehmen?

Emotionen entstehen nicht allein dadurch, dass etwas im Außen geschieht. Entscheidend ist auch, wie wir eine Situation bewerten. Unsere Wahrnehmung wird unter anderem durch unsere Bedürfnisse, Ziele, Erwartungen und bisherigen Erfahrungen beeinflusst. Deshalb kann ein und dieselbe Situation bei zwei Menschen ganz unterschiedliche Gefühle auslösen.

Auch unser Gehirn verarbeitet emotionale Erfahrungen in einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Bereiche. Dazu gehören unter anderem die Amygdala, der präfrontale Cortex, die Insula, der Thalamus und der Hypothalamus. Emotionen entstehen also nicht in einem einzigen „Emotionszentrum“, sondern in miteinander verbundenen neuronalen Netzwerken.

Besonders die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung emotional bedeutsamer Reize und beim emotionalen Lernen. Gleichzeitig sind Bereiche des präfrontalen Cortex an Bewertung und Regulation beteiligt, während die Insula unter anderem mit der Wahrnehmung körperlicher Zustände verbunden ist.

Emotionen sind deshalb immer auch körperlich. Wir spüren vielleicht Wärme oder Kälte, Druck, Anspannung, ein Kribbeln oder ein Bedürfnis nach Bewegung.

Körper, Gehirn, Wahrnehmung und persönliche Erfahrung wirken zusammen.

Wenn Gefühle eine Farbe bekommen

Hier kommt die Farblehre ins Spiel.

Farbe ist weit mehr als eine dekorative Eigenschaft eines Bildes. Ihre Wirkung hängt unter anderem von Farbton, Helligkeit, Sättigung, Kontrasten, Licht, Material und Umgebung ab. Ein kräftiges, leuchtendes Rot wirkt beispielsweise anders als ein mit Weiß aufgehelltes oder mit Schwarz abgedunkeltes Rot. Auch die Farben, die es umgeben, verändern seine Wirkung.

Der sogenannte Simultankontrast zeigt, dass wir eine Farbe immer in Beziehung zu ihrer Umgebung wahrnehmen. Auch Licht und Material beeinflussen, wie eine Farbe auf uns wirkt.

In der Farblehre werden Farben häufig mit bestimmten emotionalen und symbolischen Eigenschaften verbunden. Rot wird beispielsweise mit Liebe, Leidenschaft, Wärme und Vitalität, aber auch mit Wut, Macht oder Gefahr verbunden. Orange wirkt oft warm, lebendig und energiegeladen. Gelb wird häufig mit Freude, Optimismus und Neugier assoziiert. Grün kann für Natur, Ruhe, Hoffnung und Wachstum stehen. Blau wird mit Tiefe, Weite, Ruhe und manchmal auch Distanz verbunden. Violett und Lila werden unter anderem mit Kreativität und Spiritualität in Verbindung gebracht. Rosa kann Zartheit und Nähe vermitteln, während Pink häufig intensiver und selbstbewusster wirkt. Auch Schwarz, Weiß und Grau besitzen eine starke Wirkung und können beispielsweise Kontraste schaffen oder andere Farben hervorheben.

Doch diese Zuordnungen sind niemals allgemeingültig.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:

„Was bedeutet Blau?“

Sondern:

„Was bedeutet Blau für dich?“

Farbe als Zugang zu inneren Themen

Vielleicht ist Blau für dich die Farbe von Freiheit. Für jemand anderen steht Blau für Einsamkeit. Rot kann Liebe bedeuten oder Gefahr. Eine bestimmte Farbe kann mit einer Erinnerung aus der Kindheit verbunden sein oder mit einer Erfahrung, die uns bis heute begleitet.

Genau deshalb kann Farbe in der Kunsttherapie zu einem interessanten Zugang zu inneren Themen werden.

Welche Farbe hat meine Wut? Welche Farbe hat meine Freude? Welche Farbe hat meine Traurigkeit? Welche Farbe hat ein Glaubenssatz, der mich begleitet? Welche Farbe vermeide ich – und welche möchte ich ausprobieren?

Manchmal entsteht dabei ein Ausdruck für etwas, das bisher schwer in Worte zu fassen war.

Kunsttherapie – Gefühle sichtbar machen

Für mich liegt genau darin eine besondere Qualität der Kunsttherapie. Nicht jedes Gefühl lässt sich sofort erklären. Manchmal wissen wir nur: Da ist etwas. Eine Unruhe, eine Schwere, eine Spannung, eine Sehnsucht, eine Wut oder eine Leere.

Durch kreatives Arbeiten kann dieses innere Erleben eine Form, Farbe oder Gestalt bekommen. Ein Gefühl befindet sich plötzlich auf dem Papier und kann aus einer gewissen Distanz betrachtet werden.

Dabei geht es nicht darum, ein Bild nach einem festen Schlüssel zu entschlüsseln. Es gibt keine automatisch richtige Interpretation eines Bildes. Vielmehr kann der kreative Prozess dazu einladen, die eigene Wahrnehmung zu erforschen: Was sehe ich? Was fühle ich dabei? Was überrascht mich? Was fühlt sich vertraut an? Was darf sich verändern?

So kann Kunst zu einem Raum werden, in dem Emotionen, innere Muster und persönliche Themen miteinander in Kontakt kommen.

Und manchmal darf Farbe einfach Farbe sein

Bei aller Auseinandersetzung mit Emotionen und Farbsymbolik ist mir eines besonders wichtig: Nicht jedes Bild muss interpretiert werden.

Nicht jedes Rot ist Wut. Nicht jedes Blau ist Traurigkeit. Und nicht jedes schwarze Bild bedeutet etwas Schweres.

Kunst darf einfach Freude machen. Farbe darf frei gewählt werden. Wir dürfen experimentieren, ausprobieren und etwas entstehen lassen, ohne von Anfang an zu wissen, was daraus wird.

Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Erfahrung: Ich darf etwas anders machen als sonst.

Materiallehre – das Material spricht mit

In der Kunsttherapie spielt neben der Farbe auch die Wahl des Materials eine wichtige Rolle. Unterschiedliche Materialien ermöglichen unterschiedliche Formen des Ausdrucks und können ganz verschiedene sinnliche und körperliche Erfahrungen ansprechen.

Fingerfarben laden beispielsweise zu einem unmittelbaren und sehr sinnlichen Arbeiten ein. Durch den direkten Kontakt mit der Farbe, den Druck und die Bewegung können Gefühle spontan und mit weniger Selbstkontrolle ausgedrückt werden. Gerade bei Wut oder angestauten Emotionen kann diese körperliche Form des Ausdrucks sehr befreiend sein.

Bleistift eignet sich dagegen besonders für einen eher kontrollierten und konturierten Ausdruck. Gedanken, Formen und innere Bilder können klar umrissen und zu Papier gebracht werden. Aquarellfarben ermöglichen einen feineren, weicheren und durchscheinenden Ausdruck. Fließende Übergänge und zarte Farbverläufe können besonders feinsinnige Seelenzustände und Gefühle sichtbar machen.

Acryl- und Ölfarben eignen sich gut für großflächiges und intensives Arbeiten. Farben können kräftig und unterschiedlich stark eingesetzt werden, wodurch sich Emotionen sehr vielseitig ausdrücken lassen. Das große Farbspektrum und die Möglichkeit, Farben miteinander zu mischen, eröffnen dabei viele Gestaltungsmöglichkeiten.

Ton und Gips können durch ihre haptische Qualität und ihren natürlichen Charakter eine erdende Wirkung haben. Sie ermöglichen außerdem, Formen und Körper direkt mit den Händen zu gestalten und können dadurch auch Themen rund um Identität und das eigene Selbst erfahrbar machen. Wachsmalkreiden wiederum bieten einen unkomplizierten, spielerischen Zugang und eignen sich besonders gut für die kreative Arbeit mit Kindern.

Dabei gibt es natürlich keine festen Regeln. Entscheidend ist immer, welches Material sich für den jeweiligen Menschen, das aktuelle Thema und den gewünschten Ausdruck stimmig anfühlt.

Ein Ausblick

Die Sommerpause ist vorbei und damit beginnt auch eine neue Phase mit vielen Ideen. In den kommenden Monaten werden weitere Beiträge rund um Kunsttherapie, Klangtherapie, Kreativität, Emotionen, Farben, höheres Bewusstsein und persönliche Entwicklung folgen.

Auch weitere Angebote und Workshops sind geplant. Dafür entsteht derzeit noch die passende Struktur und ich bin auf der Suche nach einem Ort, an dem ich mich wirklich wohlfühle. Sobald sich der passende Raum gefunden hat und konkrete Termine feststehen, werde ich diese über die Homepage, Instagram und die Events bekannt geben.

Die kunsttherapeutischen Stunden sind bereits jetzt online buchbar.

Wenn du diesen Weg mitverfolgen möchtest, freue ich mich, wenn du regelmäßig auf dem Blog und bei Instagram vorbeischaust.

Und vielleicht nimmst du dir heute einen kleinen Moment und fragst dich:

Welche Farbe hat mein Gefühl heute?

Literaturverzeichnis

Eder, Andreas B. & Brosch, Tobias (2017):
„Emotion“. In: Müsseler, Jochen & Rieger, Marc (Hrsg.): Allgemeine Psychologie. Springer-Verlag Berlin Heidelberg

Schorradt, Maike:
Leben in Farbe. Bachelorarbeit. Die Arbeit behandelt unter anderem Farbpsychologie, Farblehre, Farbharmonien, Kontraste sowie den Einfluss von Licht, Material und Kontext auf die Farbwahrnehmung

Causse, Jean-Gabriel (2015):
Die unglaubliche Kraft der Farben. München: Carl Hanser Verlag

Dorosz, Chris & Watson, J. R. (2001):
Designing with Color – Concepts and Applications. New York: Fairchild Books

Guckenberger, Otmar (2001):
Farbenlehre für Handwerksberufe. 6. Auflage. Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt

Kamphuis, Hanneke; van Onna, Hedwig & Tan, Jeanne (Hrsg.) (2011):
Color Hunting – How Color Influences What We Buy, Make and Feel. Amsterdam: Frame Publishers

Meerwein, Gerhardt; Rodeck, Bettina & Mahnke, Frank H. (2007):
Farbe – Kommunikation im Raum. 4. Auflage. Basel/Boston/Berlin: Birkhäuser

Wick, Kurt & Wick, Rainer (1987):
Form und Farbe – Lehr- und Arbeitsbuch für angewandtes Gestalten. 5. Auflage. Bonn: Ferd. Dümmlers Verlag

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