Gesundes Leben – stabile Psyche

Du funktionierst, aber wann hast du zuletzt wirklich gelebt?

Es gibt einen Zustand, den viele Menschen kennen, aber selten benennen. Du funktionierst, du erledigst, was erledigt werden muss, du bist nicht krank, du bist nicht zusammengebrochen, aber du bist auch nicht wirklich da. Die Freude ist gedämpft, die Energie reicht gerade so, und irgendwo im Hinterkopf sitzt das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt – ohne dass du genau sagen könntest, was. Das ist kein persönliches Versagen. Das ist das Ergebnis eines Körpers und eines Nervensystems, das unter dauerhafter Last arbeitet. Mentale Gesundheit wird in unserer Gesellschaft entweder psychologisiert oder bagatellisiert. Entweder ist man krank und braucht Therapie oder man soll einfach positiv denken – beides greift aber zu kurz.

Was die wenigsten wissen: Deine Stimmung, deine Resilienz, deine Fähigkeit, mit Druck umzugehen, dein Antrieb und deine Motivation sind zu einem erheblichen Teil biochemisch steuerbar. Serotonin, Dopamin, Cortisol, Aminosäuren – das ist kein Sprachgebrauch aus dem Wellness-Bereich, das sind konkrete, messbare Werte in deinem Körper, die erklären, wie du dich fühlst. Und weil sie messbar sind, sind sie auch beeinflussbar.

Ein kleiner Einstieg in die Welt der Aminosäuren

Eiweiß ist ein wesentlicher Baustein unseres Körpers.

Eiweiße, genauer gesagt Proteine, steuern alle Vorgänge des Lebens. Gebildet werden sie aus Aminosäuren, die unentbehrlich sind für viele Körperfunktionen wie Wachstum, Muskelaufbau oder diverse Stoffwechselvorgänge.

Sie bilden die Basis für hochwirksame Immunzellen und das Immunsystem, für Neurotransmitter (Botenstoffe) und Antikörper. Transportproteine schleusen zudem lebenswichtige Vitamine, Mineralien und Spurenelemente durch die Blutbahnen. Auch der Sauerstofftransport über das Transportprotein Hämoglobin in den roten Blutkörperchen wäre ohne Proteine nicht möglich.

Auch Glücks-, Schlaf- und Sexualhormone kann der Körper nur produzieren, wenn wir ihm ausreichend Proteine liefern.

Proteine kommen somit überall im Körper vor – nicht nur Muskeln sind aus Proteinen aufgebaut, auch Haut, Knochen, Haare und Nägel werden aus Strukturproteinen gebildet.

Erst aus Aminosäuren können sich Proteine aufbauen. Aus Proteinen bildet sich Gewebe, es entstehen Organe und schließlich ein ganzer Organismus – das gesamte System Mensch. Selbst jede einzelne Zelle besteht aus Proteinen.

Fehlen Proteinbausteine, sprich Aminosäuren, wirkt sich das ganz grundlegend auf unsere Gesundheit aus. Anders formuliert: Ein Defizit an Aminosäuren macht uns krank. Ein Aminosäuremangel kann sehr breit gefächert sein, denn „alles“ ist aus diesen Bausteinen aufgebaut, und ein Mangel kann daher auch „alles“ an Auswirkungen haben. Damit Aminosäuren ihre Funktion erfüllen können, benötigen sie wichtige Co-Faktoren, nämlich Mikronährstoffe wie Vitamine, Mineralien, Spurenelemente sowie Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren (z. B. Magnesium, Zink, Mangan, Vitamin B6, B12 u. v. m.). Ein Aminosäurenmangel kann sich – um nur einige Symptome zu nennen – durch

  • Erschöpfung und Müdigkeit,

  • Schlafstörungen, verminderten Antrieb und Motivation,

  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,

  • Stimmungsschwankungen,

  • Ängste, verminderte Resilienz

sowie depressive Verstimmungen bis hin zum Burn-out-Syndrom äußern. Da diese Symptome vielfältige Ursachen haben können und der Zusammenhang häufig nicht unmittelbar erkannt wird, werden zur Unterstützung oft verschiedene Therapieformen wie Psychotherapie, Kunsttherapie, Musiktherapie oder Tanztherapie in den individuellen Begleitungsprozess integriert.

Unter den etwa 250 bekannten Aminosäuren gibt es aktuell 21 Aminosäuren, die Bestandteil der Körperproteine sind:

  • 8 essentielle Aminosäuren

    • (lebensnotwendig, kann der Körper nicht selbst bilden und müssen somit über die Nahrung zugeführt werden)

    • Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan, Valin

  • 4 semiessentielle Aminosäuren

    • (bedingt lebensnotwendig – kann der Körper zwar aus anderen Aminosäuren selbst herstellen, in bestimmten Situationen kommt er jedoch mit der Produktion nicht hinterher, z. B. Schwangerschaft, Krankheit, starke körperliche Aktivität)

    • Arginin, Cystein, Histidin, Tyrosin

  • 9 nicht essentielle Aminosäuren

    • (kann der Körper selbst bilden, Zufuhr über die Nahrung dennoch empfohlen)

    • Alanin, Asparagin, Asparaginsäure, Glutamin, Glutaminsäure, Glycin, Prolin, Serin, Selenocystein

Aminosäuren bestimmen auch unsere Gemütslage. Sie sind unerlässlich für Stimmung, Schlaf und Antrieb. Unsere psychische Gesundheit und unser Wohlbefinden haben viel mit dem Gehirnstoffwechsel zu tun. Und dabei spielen Aminosäuren eine entscheidende Rolle, denn als Vorstufen für wichtige Hormone und Neurotransmitter sind sie unverzichtbar. Wenn im Stoffwechsel ein Baustein fehlt und dieser dadurch nicht rund läuft, dann kann das Gehirn dies nur über den Gemütszustand anzeigen und signalisieren. Das heißt, wenn wir eine gedrückte Grundstimmung in uns tragen oder gar depressiv sind, kann dies mit einem verminderten Serotoninspiegel zusammenhängen.

Der wichtige Botenstoff Serotonin wird aus der Aminosäure Tryptophan gebildet. Tryptophan ist somit nicht nur eine essentielle Aminosäure, sie ist auch äußerst wichtig, um eine positive Stimmung und Glücksgefühle im Körper zu bilden, denn Serotonin macht gute Laune und lässt uns souverän agieren.

Der Stoffwechselweg der Aminosäure Tryptophan geht noch weiter. Aus dem Serotonin, das aus Tryptophan entstanden ist, bildet die Zirbeldrüse im Gehirn Melatonin, unser Schlafhormon.

Tryptophan

Tryptophan wird benötigt, um Serotonin (Glückshormon) und Melatonin (Schlafhormon) zu bilden.

Es gilt als natürliches Antidepressivum.

Serotonin ist an der Regulation von Stimmung, Schlaf, Appetit und kognitiven Fähigkeiten beteiligt. Melatonin steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, verkürzt die Einschlafzeit und verbessert die Schlafqualität.

Auch die essentielle Aminosäure Phenylalanin zeigt, wie wichtig Aminosäuren als Vorstufen sind. Phenylalanin ist selbst Ausgangsstoff für viele weitere Hormone und Neurotransmitter. Es hat selbst eine stimmungsaufhellende und schmerzstillende Wirkung. Wird Phenylalanin zu Tyrosin umgewandelt, so ist diese Aminosäure wiederum Ausgangsstoff für Dopamin (ebenfalls ein Glückshormon), Noradrenalin, Adrenalin sowie Thyroxin (ein wichtiges Schilddrüsenhormon).

Tyrosin

Tyrosin wird aus der Aminosäure Phenylalanin hergestellt und gilt als natürliches Aufputschmittel.

Tyrosin wird für die Herstellung von Thyroxin (Schilddrüsenhormon) und Dopamin benötigt sowie von Adrenalin und Noradrenalin (Stresshormone, die die körperliche Leistungsfähigkeit steigern).

Dopamin ist ein Nervenbotenstoff und gehört zu jenen Hormonen, die allgemein auch als „Glückshormone“ bezeichnet werden. Mehr Dopamin bedeutet schnellere Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit sowie höhere Denkleistung.

Tyrosin wirkt also energiesteigernd, stimmungsaufhellend und macht stressresistenter.

Eiweißreiche Ernährung

Ein Mangel an einer oder mehreren Aminosäuren kann zu einer Beeinträchtigung der körperlichen oder geistigen Gesundheit führen. Eine ausgewogene Ernährung, die ausreichend Protein enthält, kann dazu beitragen, den täglichen Bedarf an Eiweiß zu decken.

Das Aminosäureprofil in einem Nahrungsmittel ist dann vollständig, wenn alle 8 essentiellen Aminosäuren darin enthalten sind. Dazu gehören tierische Eiweißquellen wie Fleisch, Geflügel, Fisch, Molke und Eier.

Sowie pflanzliche Quellen in den Pseudogetreidesorten Buchweizen, Quinoa und Amaranth. Auch Chiasamen, Kürbiskerne, Sonnenblumenkerne, Erbsenprotein sowie Hanfsamen enthalten ein vollständiges Aminosäureprofil.

Hülsenfrüchte (wie Bohnen, Kichererbsen, Linsen, grüne Erbsen und Sojabohnen), Vollkorngetreide und Nüsse bieten ebenfalls eine gute Proteinquelle.

Oftmals sind altbekannte Gerichte auch hinsichtlich der Aminosäuren „vollständige“ Gerichte, wie Kartoffeln mit Ei, Kartoffeln mit Quark und Leinöl, Bohnen und Mais wie etwa in Chili con Carne oder Chili sin Carne sowie Milch und Getreide (Porridge, Milchreis, Grießbrei).

Literaturverzeichnis

Natur & Heilen, Ausgabe 11/2021 (November 2021)

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